Kölner Pegel

Nachhaltig heizen mit Abwasser

Erneuerbare Energie Abwasser Klimaschutz

Millionen Kubikmeter Abwasser rauschen jährlich durch die Kölner Kanalisation. Alles nur flüssiger Abfall? Von wegen! Tief im Gully schlummert großes Potenzial – für eine klimafreundliche Wärmeversorgung. Wir erklären, wie man mit Abwasser heizen kann.

Wärme für Ehrenfeld

In Ehrenfeld stehen die Zeichen auf Grün. Im Herzen des beliebten Kölner „Veedels“ entsteht gerade ein besonders nachhaltiges Wohngebiet. Denn die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers Lück werden komplett klimaneutral heizen. Der Clou: Die dafür benötigte Energie stammt aus einer ungewöhnlichen Quelle – der städtischen Kanalisation. 

Das Abwasser, das rund 50 Meter von dem Quartier entfernt durch die unterirdischen Rohre rauscht, ist ganzjährig zwischen zehn und 20 Grad warm. Eine wertvolle Ressource! Um die 216 Wohnungen und einen Kindergarten im Lück damit zu versorgen, entziehen im Kanal verlegte Wärmetauscher dem Wasser seine Wärme. Über Leitungen wird sie dann zu einer mit Ökostrom betriebenen Großwärmepumpe in der Heizzentrale des Wohnkomplexes transportiert.  

Energiequelle für Wärmepumpen

Wärmepumpen nutzen Umweltwärme zum Heizen. Die Geräte ziehen Wärme zum Beispiel aus dem Erdreich oder der Luft. So gewinnen sie 60 bis 80 Prozent der für die Raumwärme benötigten Energie aus der Umgebung. Nur ein wenig zusätzlicher Strom ist nötig, um die Wärme auf ein optimales Temperaturniveau anzuheben. Das macht diese Heiztechnologie besonders effizient – und stammt der eingesetzte Strom aus erneuerbaren Quellen sogar klimaneutral!

Abwasser kommt hierzulande bisher selten als Energiequelle für Wärmepumpen zum Einsatz. Dabei ist das Potenzial groß. Im Schnitt 123 Liter Trinkwasser verbraucht jede Person in Deutschland täglich. Und ob wir Duschen, Wäsche waschen oder Nudelwasser abgießen – regelmäßig spülen wir teils noch warmes Wasser in den Abfluss. Allein die Stadt Köln bereitet jährlich etwa 103 Millionen Kubikmeter Abwasser auf, in dem oft jede Menge ungenutzte Restenergie steckt. 

Wusstest du schon …

Heute liefert unser Abwasser Wärme für zwei Kölner Schulen und auch für das Wohnquartier Lück in Ehrenfeld. Weitere Projekte folgen bald, denn das Potenzial dieser Heizmethode ist groß!

Wärme aus Klärwerk und Kanalisation

Wie man die wirtschaftlich nutzen kann, erforschen die Stadtentwässerungsbetriebe Köln, die das Projekt für Lück mit vorangetrieben haben, als Pionier auf dem Gebiet schon seit Jahren. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man holt sich die Energie direkt an den Kläranlagen oder man zapft – wie im Quartier Lück – das Kanalnetz an.

Abwasserwärme aus der Kläranlage

Klärwerke verarbeiten das gesamte Abwasser eines Einzugsgebiets – entsprechend viel Wärme speichern sie. Anders als die Kanalisation befinden sich die Anlagen aber oft nicht in der Nähe beheizbarer Gebäude. Siedlungsnahe Klärwerke sind für die Abwasserwärmenutzung daher besonders interessant. Es ist aber auch möglich, die Energie über weitere Entfernungen hinweg zu nutzen: zum Beispiel über ein Fernwärmenetz. In Köln könnte künftig das Großklärwerk Köln-Stammheim eine wichtige Rolle für die Wärmeversorgung spielen. Die Stadtentwässerungsbetriebe untersuchen derzeit das Potenzial dort.

Abwasserwärme aus der Kanalisation

Um Wärme aus dem Kanalnetz zu recyceln, werden sogenannte Wärmetauscher entlang der Abwasserrohre verlegt. In ihnen befindet sich Wasser, das einen Teil der Wärme aus dem vorbeiströmenden Abwasser aufnimmt. Damit das funktioniert, muss der Kanal breit genug sein – und mindestens 15 Liter Wasser pro Sekunde führen. Außerdem sollte der Abstand zwischen dem Kanal und dem Ort der Energienutzung nicht zu groß sein. Denn je länger die Leitung vom Abwasserrohr bis zur Heizzentrale sein muss, desto teurer wird die Umsetzung. Lohnenswert ist die Technik vor allem bei größeren Abnehmern: also Mehrfamilienhäusern, Wohngebieten, Büroanlagen oder Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäusern.

Heizlösung für die Wärmewende

Künftig könnte die innovative Heiztechnik helfen, die lokale Klimawende zu meistern. Denn immerhin zwei Drittel des stationären Energieverbrauchs einer Großstadt wie Köln gehen auf das Konto der Wärmeversorgung. Als Akteur der öffentlichen Daseinsvorsorge unterstützen die Stadtentwässerungsbetriebe die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger bei dem Ziel, klimaneutral zu werden. Die Wärmeenergie aus dem Abwasser stellen sie kostenneutral, also ohne Gewinnabsicht, bereit – und liefern so einen wertvollen Beitrag auf dem Weg hin zu einer nachhaltigen Kommune.

Insgesamt, so schätzt das Dienstleistungsunternehmen, könnte Abwasser in der Rheinmetropole rund 250 Gigawattstunden klimafreundliche Wärmeenergie pro Jahr erzeugen – und so etwa 52.650 Tonnen Kohlendioxid einsparen. Das wäre aber nicht nur gut fürs Klima. Durch die weiter steigenden CO2-Preise werden fossile Energiearten wie Erdgas immer teurer. Für Verbraucher rentiert sich das Heizen aus nachhaltigen Quellen auf lange Sicht also wahrscheinlich auch aus Kostengründen. 

„Mit Wärmeenergie aus Abwasser liefern wir einen wertvollen Beitrag zur Klimawende.“
Ingo Schwerdorf, Stadtentwässerungsbetriebe Köln

Viele gute Gründe also, die Methode in deutschen Kommunen bekannter zu machen! Für Köln haben die Stadtentwässerungsbetriebe zu diesem Zweck eine Potenzialkarte veröffentlicht. Sie zeigt die Bereiche des Kanalnetzes, die groß genug für den Einbau von Wärmetauschern sind und durchgehend ausreichend warmes Abwasser führen. Wohnungswirtschaft und Energieversorger unterstützt das Dienstleistungsunternehmen nicht nur, indem es ihnen Zugang zur Wärmequelle Abwasser gewährt. Sondern im gesamten Prozess – von der Planung bis zur Inbetriebnahme des Heizsystems.  

Mehr Abwasserwärme für Köln

Andere Länder haben den Schatz aus der Kanalisation längst für sich entdeckt. In Belgien, den Niederlanden und der Schweiz etwa ist die Abwasserwärmenutzung verbreiteter als in Deutschland. Die Franzosen versorgen sogar das Präsidialamt und das Parlament auf diese Weise mit Wärme. Ginge es nach den Stadtentwässerungsbetrieben Köln, sollten wir uns unsere Nachbarn zum Vorbild nehmen. Und offenbar passiert dies auch: Stadtweit gibt es aktuell Anfragen für rund 50 Projekte. Es sieht also so aus, dass künftig immer mehr Kölnerinnen und Kölner von Abwasserwärme profitieren.

Im Quartier Lück war es schon Ende 2025 soweit. Dann bezogen die ersten Menschen ihre neuen Wohnungen an der Subbelrather Straße – und genießen fortan grüne Wärme, die tief im Gully fast direkt unter ihren Füßen entsteht. 

Auch interessant für Sie